Diese Typen verkehren in Hotels

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Von Pärchen im Luxus-Dilemma, mysteriösen älteren Herren, Deplatzierten, Hoteldieben, Masslosen, Möchtegern-Typen, wahren Supergästen, kindlich-begeisterten Geniessern und Kontaktfreudigen…

 

Das Pärchen im Luxus-Dilemma

Vor allem in Hotels höherer Preisklassen zu finden. Das Problem: die sehr unterschiedlichen Vorstellungen über die finanziellen Möglichkeiten im gemeinsamen Urlaub. Die Zimmer sind ja schon bezahlt, aber was ist mit den vielen verlockenden Extras? Während einer der beiden in bester Laune endlich mal nicht aufs Geld schauen mag, rattert beim anderen gnadenlos der Zähler im Kopf mit – beim Bestellen à la carte, abends an der Hotelbar oder besonders bedrohlich bei jedem Ausflug, wenn es ans Shoppen oder Einkehren geht. Kompromisse? Schwierig, ist doch das euphorische „jetzt gönnen wir uns mal richtig was“ schon in dem Moment zerstört, in dem die Rechnerei losgeht. Also wirken rasch beide genervt („du weisst doch, dass wir uns das nicht leisten können“) bis unglücklich („musst du immer alles kaputtdiskutieren“). Die erschreckenden Statistiken, wonach bereits drei Viertel der befragten Hotelgäste einmal im oder direkt nach den Ferien Schluss gemacht haben – sie wirken plötzlich nicht mehr so überraschend.

Typischer Satz zum Personal: „Bringen Sie uns noch eine Flasche vom …“ „Nein, Moment, wir überlegen noch!“

Typischer Satz zum Partner: „Musst du immer so übertreiben?!“

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… wirft der spendierfreudige Pärchenteil einen leicht panischen Blick auf den Online-Kontostand. Hat der andere womöglich doch recht?

Der mysteriöse alte Herr

Um ihn herum mögen Badelatschen, krümelnde Snacks und Geplapper die Atmosphäre prägen – seine Eleganz bleibt unberührt. Der Grandseigneur des Hotels ist niemals ohne Einstecktuch im leichten Leinen-Sommeranzug zu sehen, trägt den zusammengerollten Kulturteil einer fremdsprachigen Zeitung unterm Arm und raucht unbeeindruckt seit geschätzt sieben Jahrzehnten dieselbe Marke Zigarillo. Ungefähr ebenso lange geht er wohl schon in diesem Hotel ein und aus. Das macht sein traumwandlerisch sicherer Gang durch das verwinkelte Gebäude ebenso klar wie seine Vertrautheit mit den älteren Angestellten. Was er sonst im Leben getrieben hat (und mit wem) ist eine Frage, die die Fantasie der anderen Gäste mehr beflügelt als jeder Schundroman im Gepäck. Wer grosses Glück hat, ist zufällig im Foyer, wenn sich der Herr dort gedankenverloren am sonst vernachlässigten Klavier niederlässt – und eine würdige Klaviersonate von Chopin aus dem Ärmel schüttelt. Ganz piano natürlich, denn aufzufallen hat er wirklich nicht nötig.

Typischer Satz zum Personal: „Wie immer bitte, mein lieber Carlo.“

Typischer Satz zu anderen Gästen: „Marilyn war ein so sensibler Mensch.

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… Wenn wir das nur wüssten. Das Mysterium bleibt.

 

Die Deplatzierten

Da steht zum Beispiel eine nervöse Frau am Lift. Bewegt sich ein paar Schritte vor, dann wieder zurück. Falls sie unverrichteter Dinge wieder abzieht, erfahren wir anderen nie, was das Problem war. Falls sie aber all ihren Mut zusammennimmt, bringt sie an der Rezeption ein Anliegen vor, das ungefähr so klingt: „Entschuldigen Sie, verzeihen Sie, aber in unserem Zimmer… Also es ist nicht so schlimm, aber im Bett fehlen die Kopfkissen und, nun ja, im Bad sind keine Handtücher. Wir dachten, vielleicht könnten Sie… Aber falls nicht: Es geht sicher auch so.“ (Trauriger Augenaufschlag.) Wie bitte? Ja, während Touristen oft als Tyrannen gelten, gibt es eben auch diese Sorte: Gäste, die zu bescheiden für ihr eigenes Hotel sind. Für die das Bedientwerden eine Qual ist, die eventuelle Mängel am liebsten still erdulden und offen andere bestaunen, die offensichtlich in der Rolle des Gastes, also Königs aufblühen.

Typischer Satz zum Personal: „Aber wirklich nur, wenn es keine Umstände macht.“

Typischer Satz zum Reisepartner: „Zuhause machen wir das doch auch selbst.“

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… wischen sie mit ein paar Hygienetüchern aus dem Koffer die Ablagen im Bad nach. Nicht aus Enttäuschung über die Putzkräfte wohlbemerkt. Es gehört sich einfach so, wenn man vorher getropft hat.

 

 

Der Langfinger

Dieser Ganove, egal ob weiblich oder männlich, bestiehlt nicht die anderen Gäste, sondern das Hotel: Er betrachtet den Zimmerpreis als Einlasskarte in einen Selbstbedienungsladen. Alles, was in seiner Suite nicht niet- und nagelfest ist, wird eingepackt: die Mini-Portionen Shampoo und Duschgel, die Nagelfeile, die Wattestäbchen, der Duschvorhang, die Handtücher, die Bademäntel sowieso. Auch die Kissen passen noch irgendwie in den Koffer (der hat selbstredend Übergrösse). Die Sofakissen ebenfalls. Anderen Gästen fallen die Langfinger auf, wenn diese versuchen, das übergrosse Wandbild, mit Mantel und Jacke auf dem Trolley notdürftig getarnt, unauffällig durch die Lobby zu bugsieren.

Typischer Satz zum Personal: „Sind Sie sicher, dass da überhaupt ein Fernseher auf meinem Zimmer war?“

Typischer Satz zu anderen Hotelgästen: „Warum wir mit Anhänger in den Urlaub fahren? Na, dieser Stauraum ist Gold wert.“ 

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… seilt der Langfinger den bequemen Sessel, auf den er in Zukunft weder verzichten kann noch will, aus dem Fenster ab. Unten wartet schon der Komplize. Was beide nicht wissen: Das Hotel wird eine Rechnung schicken.

 

Der Masslose

Im Gegensatz zum Hoteldieb bedient sich der oder die Masslose nur an den Dingen, die das Hotel tatsächlich für Gäste zum Verbrauch zur Verfügung stellt. Allerdings weiss der Masslose dieses Angebot bis zum Äussersten auszureizen. Damit hat er das Bild des Touristen zum Fremdschämen geprägt, dem somit nicht mehr nur der Weisse-Socken-zu-Sandalen-Träger entspricht: In der Hotelbranche sind Gäste berüchtigt, die noch mit dem kleinsten Dessertteller dank ausgeklügelter Stapeltechnik ein ganzes Buffet leerräumen können. Und sich dann noch beschweren, dass sie jetzt gar nicht mehr ihre Brotzeit für unterwegs schmieren können.

Wird der Teller selbst in den Augen des Masslosen zu voll, nimmt er eben die ganze Wurstplatte mit an den Tisch. Urlaub ist schliesslich nicht der richtige Zeitpunkt, sich zu zügeln oder gar eine Diät anzufangen. Die befremdeten Blicke der anderen Gäste missinterpretiert er als Neid: Auf diese Idee sind sie wohl nicht gekommen, was? Nein, sind sie nicht.

Typischer Satz zum Personal: „Wie meinen Sie das, der Lachs für heute ist aus? Und womit soll ich jetzt die restlichen Toastbrote belegen, bitteschön?“

Typischer Satz zum Partner: „Ist doch egal, dass wir beide keine Kiwi mögen. Das Obst hier ist umsonst. Umsonst!“

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… wirft sich der Masslose vor Wut bebend aufs Bett. Das Reinigungspersonal hat seine Kuchen- und Törtchenauswahl weggeputzt, die er als Notration vom Nachmittagsbuffet vorgestern mitgenommen und auf dem Nachttisch deponiert hatte.

 

Der Möchtegern

Dieser Gast hat im Hotelwesen offenbar alles schon gesehen, und zwar woanders besser, sehr viel besser. Kein Wunder, dass er an allem etwas auszusetzen hat und dies lautstark kundtut. Sein eigentlicher Beweggrund ist aber ein anderer: Er macht krampfhaft auf lässig, nicht nur bei der Bestellung abends an der Hotelbar („James, eine Flasche Schampus!“ „Ähm. Ich heisse Gustav.“), sondern schon frühmorgens am Buffet („Sie haben keine, ich wiederhole, keine Wachteleier?“). Was er wirklich sagen will: Mir macht keiner was vor, ich war schon im Ritz! Dabei ist er dort nur einmal durch die Lobby gehuscht. In dem All-inclusive-Hotel in der zweiten Reihe zur Strandpromenade haben ihn die anderen Gäste längst durchschaut: Er plustert sich so auf, weil er sich dort endlich einmal eine Stufe höher in der Hackordnung wähnt und denkt, je grösser die Zahl der Sonderwünsche und je lauter sein Gegockel, desto wichtiger sei er. Und tatsächlich, schauen sie nicht alle zu ihm auf? Was der Möchtegern nicht erkennt: Sie verdrehen nur die Augen.

Typischer Satz zum Personal: „WELCHER IST IHR TEUERSTER WEIN? … Und der zweitteuerste?“

Typischer Satz zum Partner: „Nächstes Mal buchen wir wieder in einem WIRKLICH hochklassigen Hotel.“

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… testet der Möchtegern die High-Tech-Raumausstattung und sagt leise: „Wow, so cool. So cool!“

 

Der wahre Supergast

Selbst in den luxuriösesten Hotels fühlt er sich wie zu Hause, ohne sich so zu benehmen. Der weibliche wie männliche Supergast ist von der Natur bevorzugt, sieht dementsprechend gut aus, ist perfekt gekleidet, ohne an Lässigkeit einzubüssen, spricht mindestens zwölf Sprachen und 23 Dialekte, in denen er im Gespräch locker hin- und herwechselt, ohne dabei den Faden oder an Witz zu verlieren. Der wahre Superstar weiss sogar, wie man Angestellten – vom Kofferträger bis zum Maître d’hôtel – ganz nebenbei das passende Trinkgeld zukommen lässt, ohne dass es peinlich wirkt. Unangenehm fallen höchstens Gäste auf, die von dieser filmreifen Erscheinung so überwältigt sind, dass sie die Kontrolle über ihre Kinnlade verlieren. Dass alle ihn anstarren, merkt der Supergast natürlich – doch er sieht betont gelassen darüber hinweg. Wie wichtig ihm die Aufmerksamkeit tatsächlich ist, würde er niemals, auch nicht mit dem kleinsten Mundwinkelzucken, verraten.

Typischer Satz zum Personal: „Martini. Geschüttelt, nicht gerührt.“

Typischer Satz zu den anderen Gästen: Ein Autogramm? Lassen Sie den Stift ruhig stecken, ich habe einen Füllfederhalter (in Gold).“

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… fällt ihm auf, dass er unbeobachtet ist und wechselt auf den Balkon, um dort auf dem Tischchen anatomisch eigentlich unmögliche Yoga-Stellungen einzunehmen. Und minutenlang zu halten.

 

Der kindlich-begeisterte Geniesser

Tritt dieser Typ Hotelgast auf, denken sich die meisten anderen im ersten Moment: ach, nein. So laut, so hemmungslos, ja, so prollig nimmt der kindlich-begeisterte Geniesser die gesamte Lobby samt Nebenräumen in Beschlag. Doch je länger er herumspringt auf seiner Entdeckungsreise durch dieses Wunderhaus, in dem selbst die kleinsten Kleinigkeiten zu Raritäten werden, die Gästen das Leben angenehm machen sollen, desto weniger können sich die anderen Gäste seinem herben Charme entziehen. Ob er die Lounge-Landschaft unter Begeisterungsrufen in allen möglichen Positionen ausprobiert oder der Technik des Teebeutelspenders auf den Grund geht, obwohl er gar keinen Tee trinkt – der kindlich-begeisterte Geniesser ist fest entschlossen, alles zum Staunen toll zu finden und sich im Hotel von nichts die Laune verderben zu lassen. Spätestens wenn er vor dem Buffet steht und haucht „geschnitzte Karottentiere, ich fass es nicht, hier arbeiten Künstler, Künstler!“, entdecken auch die anderen Hotelgäste ihr sonniges Gemüt wieder. Und tatsächlich, im Küchenteam muss ein Meister des Food-Design arbeiten.

Typischer Satz zum Personal: „Genial!“

Typischer Satz zum Partner: „Du musst auch aufs Klo gehen, du wirst deinen Augen nicht trauen. So einen Klobürstenhalter würde ich mir als Vase auf den Tisch stellen!“

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… hüpft der kindlich-begeisterte Geniesser auf dem Bett und macht eine Kissenschlacht – zur Not mit sich allein.

 

Die Kontaktfreudigen

Diese Art von Gast verbringt ihren Urlaub ganz bewusst im Hotel anstatt in der Ferienwohnung, denn wo sonst trifft man so einfach viele nette Leute? Also wird direkt losgeplaudert. Als Gesprächsgrundlage reicht aus, die Nachbarn am Buffet, am Pool oder im Lift als Landsleute erkannt zu haben. „Mei, haben Sie die schöne Aussicht bewundert, super, gell? Waren Sie schon mal in Paris, da ist es ja auch so romantisch…?“ Das wäre die diskrete Variante. Viel lieber werden aber direkt persönliche Gemeinsamkeiten benannt und erörtert. Das Gegenüber hat einen Fahrradhelm in der Hand: die ideale Überleitung zum Loblied auf das eigene Motorrad. Das angesprochene Pärchen erwartet unverkennbar ein Baby: die perfekte Gelegenheit, direkt vom eigenen Notkaiserschnitt vor 30 Jahren („Sie werden sehen, man übersteht alles. Aber schön, nein schön war das nicht.“) und dem nun bevorstehenden Enkelglück in der Heimat zu erzählen. Hinterher sind die Kontaktfreudigen stets beseelt – und freuen sich schon darauf, daheim allen haarklein von den spannenden Urlaubsbekanntschaften zu berichten.

Typischer Satz zum Personal: „Sagen Sie, das nette Paar aus 217, die wollten wir eigentlich beim Abendessen treffen, sind die schon abgereist?

Typischer Satz zu anderen Gästen: „Gut, dass ich Sie sehe: Was ich Ihnen unbedingt noch erzählen wollte, als Sie vorhin weg mussten…

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer… setzen sie sich ganz still auf den Balkon und geniessen die Ruhe. Denn irgendwie ist Urlaub recht anstrengend. Sie fragen sich selbst immer, wieso eigentlich.