„Die 150 besten Hotels der Schweiz“ (Sonntagszeitung). „Die besten Hotels der Schweiz und weltweit“ (Magazin Bilanz). „Das Hotel des Jahres“ (Gault-Millau). „Die 222 besten Hotels der Schweiz“ (Connoisseur Circle). „Die Top-Hotels der Schweiz“ (Bertelsmann). „Die freundlichsten Hotels der Schweiz“ (Schweiz Tourismus). „Die 10 besten Hotels der Schweiz“ (Tripadvisor). „Die besten Luxus-Hotels der Schweiz“ (Luxury Hotels) – und seit vergangenem Sonntag auch noch „Die besten 100 Hotels der Schweiz“, ermittelt von der „NZZ am Sonntag“.

Frage an Sie, liebe Hotelinsider: Machen all diese Hotel-Ratings Sinn? Führen diese Hotel-Hitparaden dazu, dass am Ende mehr Gäste und mehr Umsatz generiert werden? Profitieren die in den Ratings aufgeführten Hotels von dieser „Gratis-Werbung“, abgesehen vom üblichen PR-Medieneffekt? Andreas Züllig, Präsident des Branchenverbandes Hotelleriesuisse, hat mal gesagt: „Die Hotel-Ratings stellen die besten Hotels unseres Landes ins Schaufenster. So gesehen ist das eine tollte und kaum bezahlbare Werbung für die Besten der Besten.“ Man kann dies so sehen.

Und was bringen die Hotel-Ratings dem Leser? Zweifellos sind sie so etwas wie eine Orientierungshilfe, so wie die Hotel-Sterne (Klassifizierungen). Und sonst? Brauchen wir so viele Hotel-Ratings? Nun, wer die Hintergründe und Auswahlkriterien der einzelnen Ratings erforscht, stellt fest: Die Kriterien der Hoteltester sind alles andere als einheitlich. Oft werden die Hotels nach subjektiven Kriterien bewertet. Umfassende Checklisten, Qualitätsstandards und kompetente Jurys – bestehend aus Fachleuten und Insidern – sucht man vergebens.

Kurz und gut: Sind die Tester oder Rating-Verfasser von einem Haus begeistert, erhält es einen Platz auf dem „Podest“. In der Regel stehen dort die bekannten Luxushäuser. Ob „NZZ am Sonntag“, „Sonntagszeitung“ oder „Gault-Millau“: Namen wie The Dolder Grand, Eden Roc Ascona, Bad Ragaz Resort, The Chedi Andermatt, Gstaad Palace oder der Kronenhof in Pontresina dominieren die Spitzenplätze – alle Jahre wieder…

Quizfrage: In welchen Hotels steigen 90 Prozent der „Normalkonsumenten“ mit mittlerem Jahreseinkommen ab? Im Dolder, Beau Rivage Palace oder Eden Roc am Lago Maggiore, wo Zimmerpreise ab 600 Franken verlangt werden? Mitnichten!
„Normalkonsumenten“ ohne Spitzeneinkommen können sich den Luxus, wie er in all den Palace- und Grandhotels zelebriert wird, schlicht nicht leisten – oder höchstens mal zum 50. Geburtstag. So gesehen vermitteln die Ratings nichts anderes als Träume. Hotelträume. Motto: Einmal im Leben in einer Palace-Suite übernachten…

Was will ich damit sagen? Ja, Hotel-Ratings machen Sinn, wenn darin vor allem (!) Häuser aufgelistet werden, die sich Frau Müller und Herr Meier aus Spreitenbach leisten können. Zum Beispiel Top-3-Sterne-Hotels, Trend- und Lifestyle-Häuser, Budget- und Familienhotels. Ja, es gibt sie, „die besten 3-Sterne-Hotels der Schweiz“ (www.best3starhotels.ch).

Hans R. Amrein
Publizist und Hotelinsider

3 Kommentare

  1. Lieber Karl

    Ja, richtig: In deinem Rating werden u.a. auch einige der „besten 3-Sterne-Hotels“ bewertet, es sind, wie du sagst, etwa 30 bzw. 25 Hotels (von rund 150 Häusern). Ich wünsche mir, dass mehr solche Häuser und vor allem auch ganz spezielle Hotels (Familienhotels, Budget-Hotels, Kunst-Hotels usw.) in den Ratings gewürdigt werden, egal, wie viele Sterne diese Betriebe haben! Dass sich die meisten Menschen Luxushäuser und auch Luxus-Restaurants (ab 16 GM-Punkte) nicht leisten können, ist unbestritten.
    Ich halte fest: In meinem Kommentar werden keine einzelnen Ratings gewürdigt oder speziell kritisiert. Es geht hier ganz einfach um die Frage, was solche Ratings dem Hotelier und Leser bringen…

    • Lieber Hans
      In meinen Ratings sind auch die besten Familienhotels aufgelistet. Und Budget-Hotels heissen bei mir eben „Nice Price“. Wenn wir aber noch damit anfangen, Kunsthotels zu raten, dann müssen wir gleich auch Velohotels, Wanderhotels, Hundehotels, Singlehotels, Hotels für Paare, Ü 50-Hotels usw. raten. Gute Nacht. Dass sich die meisten Menschen Luxushotels nicht leisten können, stimmt zwar. Weil sie aber häufiger als die meisten andern bumsvoll sind, haben sie vielleicht doch ihre Berechtigung. Und zum Schluss: Im „Tages-Anzeiger“-Newsticker ist das Rating der SonntagsZeitung am Erscheinungstag jeweils der am häufigsten angeklickte Artikel. Von morgens bis abends. Soviel zur Frage, was Ratings dem Leser und dem Hotelier bringen…

  2. Ein paar Klarstellungen zum Kommentar von Hans Amrein. 1. Meine 16 Hoteltester sind ausnahmslos Fachleute und bewerten die Hotels nach einheitlichen Kriterien. Sie bilden überdies die Jury. 2. Auch bei Guide Michelin und GaultMillau stehen alle Jahre wieder ungefähr dieselben Restaurants ganz vorn. Spitzenplätze kann man halt schlecht nach dem Jekami-Prinzip verteilen. Was interessiert, sind die Begründungen für die erneute Topklassierung und allfällige Veränderungen. 3. Wenn man argumentiert, Normalverdiener könnten sich die besten Hotels gar nicht leisten, so gilt dies auch für alle Restaurants mit Michelin-Sternen oder jene mit 18 und 19 GaultMillau-Punkten. Eine verquere Sichtweise. 4. Dass Amrein ein wenig Werbung macht für die Vereinigung der besten 3-Stern-Hotels, ist angesichts gewisser Verbindungen logisch und auch legitim. Ist schliesslich auch eine gute Sache. Nur: Im Guide „Die 150 besten Hotels der Schweiz“ sind alljährlich über 30 Hotels mit drei oder gar keinen Sternen klassiert. Und das schon lange vor der Gründung der „Best 3 Star Hotels“. Im Rating mit den 75 besten Winterhotels der Schweiz (3. Dezember in der SonntagsZeitung) sind übrigens auch wieder die 25 besten Hotels mit drei Sternen klassiert. 5. Ob es so viele Ratings braucht: Eines davon kann man getrost vergessen. Connoisseur Circle testet nämlich gar keine Schweizer Hotels, sondern die Österreicher verteilen einfach möglichst viele Awards in der Hoffnung auf möglichst viele Anzeigen. Und dass die NZZ am Sonntag in zwei Monaten 100 Hotels seriös getestet haben will, ist ein wunderbarer Stoff für die nächste Märchenstunde.